A New Learning Culture

(Per leggere questo articolo in italiano, cliccare qui, mi scuso per la scarsa qualitá ma é colpa di Google)

Vor einigen Jahren, als es noch unsere Montessori-Schule gab und ich dort für eine Weile die Leitung übernommen hatte, habe ich Carmen Gamper kennengelernt.

Jenes Schuljahr  brachte eine Wende: Aus verschiedenen Gründen, teils persönlich teils beruflich bedingten, waren alle Begleitpersonen (so werden in Montessorischulen die Lehrerinnen und Lehrer genannt, da sie nicht ‚unterrichten‘ sondern ‚begleiten), die in den Jahren vorher in inserer Lernwerkstatt tätig waren, dem Verein abhanden gekommen.
Auch in der Elternschaft war es zu einigen Veränderungen gekommen: einige waren nach zwei Jahren der Meinung, es sei doch nicht das Richtige für ihr Kind, und waren in die öffentliche Schule zurückgekehrt; anderen fehlte durch das Wegfallen der gewohnten Begleitpersonen die pädagogisch-didaktische Kontinuität und sie wollten das Experiment nicht wagen, und zu den übriggebliebenen waren noch zwei neue Familien dazugestoßen.

Diese Veränderungen hatten sich im Laufe des Sommers ergeben, und so lautete die Frage für uns, die wir unbedingt weitermachen wollten: Würden wir es schaffen, bis September neue Begleitpersonen zu finden, die die Schultätigkeit  nach unserem Konzept weiterführen könnten?
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Wir waren voll guten Willens. Immer wieder inserierten wir in Zeitungen, sprachen mit möglichen Begleitpersonen und beschäftigten uns in vielen Abendstunden auch selbst inhaltlich mit unserem Konzept und mit dem Montessorimaterial. Unser Ziel war es, nicht nur die Schultätigkeit in Gang zu bringen sondern es besser zu machen, so gut wie möglich!

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Schließlich fanden wir gerade noch rechtzeitig vor Schulbeginn zwei Begleitpersonen, von denen einer mitten in der Montessoriausbildung stand, die andere hatte bereits Erfahrung in diesem Bereich gesammelt; leider konnten beide nicht täglich hier sein, was aber für die Kinder als äußerst wichtig angesehen wurde. Dafür stellte ich mich zur Verfügung, und von den anderen Eltern übernahmen täglich eine andere Mutter zusätzlich den Elterndienst. Durch die vielen Räume der Schule (1 Küche, 1 Rollenspielraum, 1 Sekundaria, 1 Primaria, 1 Werkstatt, 1 Experimentierraum, 1 Vorraum mit Bauecke, 1 Musik- und Bastelraum, plus Außenbereich) war es unumgänglich, mehrere Begleitpersonen für die Kinder zur Verfügung zu haben, dessen waren wir uns bewusst. Die Kinder waren ja jeden Moment frei, zu wählen, wo sie sich aufhalten und mit wem und mit welcher Tätigkeit sie sich beschäftigen wollen.

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Unser größtes Glück war es, in diesem Moment Carmen Gamper kennenzulernen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer sie uns vorgestellt hat – plötzlich war sie da, wie ein Geschenk des Himmels! Und sie schenkte uns genau das, was wir so nötig hatten: gute Ratschläge, gute Vorschläge, ganz konkrete Hilfe und Unterstützung für die großen und kleinen Probleme, die so ein Schulbetrieb unweigerlich mit sich führt. Sie nahm uns die Angst vor unserem Versagen, unsere Sorge darum, dass wir es nicht gut genug machen würden. Sie lehrte uns, dass wir Tag für Tag, genauso wie die Kinder, neu dazulernen können und sollen – und auch alles bisher Gelernte in Frage stellen dürften. Das war sogar unser Recht!
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Am Anfang baten wir sie, uns Erwachsenen den Umgang mit dem Montessorimaterial zu lehren. Da wir alle Elterndienst machen würden, wäre es für alle vom Vorteil, zu wissen wofür welches Material, welches Spiel, am besten geeignet war. Wir müssten doch bereit sein, unseren Kindern die richtige Antwort geben zu können! dachten wir mit etwas Sorge.
Für die meisten von uns war das Material etwas Heiliges aber zugleich auch etwas, vor dem man immer einen gewissen Abstand bewahrte: es war ja so teuer gewesen, oder es war in mühevoller Handarbeit selbst gemacht worden! So standen wir den Würfeln, Kugeln und Stäbchen stets mit einer gewissen scheuen Haltung gegenüber, drehten die Dinge beim Abstauben und Putzen in unseren Händen und fragten uns heimlich, wie man damit denn rechnen können sollte.
Genau diese Haltung aber war es, die wir Gefahr liefen unseren Kindern – unbewusst natürlich – weiterzugeben. Wenn wir nicht Spaß haben konnten am Ausprobieren, Tüfteln und Spielen – ja, Spielen! – wie sollten wir dann verlangen können, dass unsere Kinder ohne Verlegenheit und lustvoll mit dem Material umgehen sollten?
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Carmen nahm uns diese Scheu. In angenehmen Abendstunden, in einer Runde von wissbegierigen und neugierigen Eltern, wo niemand Angst haben musste ausgelacht oder verspottet zu werden, führte sie uns mit begleitenden Worten das Material vor. Erstaunlicherweise gab es nicht stundenlange Erklärungen und Beschreibungen – es waren mehr die sanften, langsamen Bewegungen, wie die Stäbchen und Würfel säuberlich und geordnet hingelegt wurden, die uns verstehen, begreifen ließen, worauf es schlussendlich ankommt, wie auf einmal diese besondere Atmosphäre entsteht, in der die Gedanken zu schweben beginnen und es plötzlich in einem selbst, ganz tief drinnen, zu fließen beginnt: Ich habe es verstanden! Das ist so klar! Das funktioniert so und so!

CarmenAustausch mit Carmen (mit blauem Umhang)

Wir blühten auf. Wir lernten, dass die vielen, oft auch unsichtbaren Kleinigkeiten viel wichtiger sind, als man ahnt. Etwa der Stuhl in jedem Raum, der an der Rückenlehne gelb gekennzeichnet ist: das ist der dem Erwachsenen zugeteilte „gelbe Stuhl“, wo er einfach nur still sitzt und beobachtet, einfach da ist, ganz so als wäre er gar nicht da. Das mussten wir noch lernen, das „Nicht-da-Sein“ und doch da sein, aufmerksam und bereit. Das Uns-Zurückhalten, wo wir doch darauf brannten, die Kinder in diese und in jene Ecke zu zerren um ihnen zu zeigen, wie toll man damit Geografie und Arithmetik lernen kann!

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Oder die Vorbereitung im Experimentierraum: nicht mehr fast wahllos hingestellte Becher, Eimer, Farbflüssigkeiten, Mehl, Körner, Sand und Messbecher, Kraut und Rüben. Nein, die Messbecher gehörten der Größe nach hübsch platziert. An der Wand wurde eine Folie mit wöchentlich austauschbarem Experimentier-Tipp befestigt und auf dem darunterstehenden Tisch stand das dazugehörende Material – Pipetten, Nägel, Salz, Luftballon oder was auch immer es brauchte – auf einem schön ausgelegten Tablett bereit. Auf einem Formular konnte man ebenfalls eintragen, wann man das Experiment ausgeführt hatte und wie das Ergebnis war. Und das bereitet dann so viel Lust zum Ausprobieren!
Überall stumme, freundliche Einladungen, ja, so musste die Schule gestaltet werden! Ein Tisch, auf dem abwechselnd ein anderes Buch besonders schön hingelegt wurde. Lies mich! rief es jedem zu. Eine Kiste mit schönen bunten Lederstücken und die Kartei mit Bastelanleitungen: Bastle mit mir! Im Küchenschrank stets geordnet Mehl, Zucker, Rosinen und Backpulver: Backe, koche, koste!
Griffbereit die Musikinstrumente. Ordentlich eingereiht in die rollende Kiste liegen die Bauklötze. Spiel mit mir!

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Aber auch andere Fragen konnte uns Carmen beantworten: Wie wir durch Beobachtungsmappen die Fortschritte der Kinder am besten notieren konnten – „Einfach nur das, was man sieht, ohne Kommentare oder Bewertungen“. Nicht so leicht, aber doch nicht so schwer! Wie wir freundlich aber bestimmt mit einem „Stopp“ bei Konflikten einschreiten konnten – und sollten. Wie wir für die Einhaltung der Regeln sorgen konnten. Wie mit Schimpfwörtern und Kraftausdrücken umzugehen sei. Dass wir uns immer wieder fragen sollten, warum Konflikte wiederkehren: es gibt einen Grund dafür. Brauchen die Kinder mehr Aufmerksamkeit? Brauchen sie eine deutlicher ausgesprochene Grenze? Ist die Umgebung nicht ihren aktuellen (!) Bedürfnissen entsprechend vorbereitet? – und das bedeutet nicht etwa, dass im Herbst Bastelmaterial für Martinslaternen da liegen muss, sondern dass man sich fragen soll, was für den 12jährigen, der Tag für Tag „herumzuhängen“ scheint, wichtig wäre, ob es ihm gut geht und dies ein Stück Weg seiner Entwicklung ist oder ob er etwas braucht, und was das dann sein könnte, und…

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Carmen kam dann, als die Schultätigkeit begann, in unsere Schule, um uns und die Kinder zu beobachten. Sie saß auf den gelben Stühlen in den verschiedenen Räumen, ging hierhin und dahin, stets schweigend und leise, und beobachtete. Später, nach der Schule, konnten wir mit unseren Fragen  zu ihr kommen, und es ist unglaublich wie viele Fragen sich im Laufe der paar Stunden ergeben können!
In diesen Wochen überprüfte sie auch die vorhandenen Räumlichkeiten und gab uns immer wieder Tipps zur Umgestaltung, zur besseren Vorbereitung für die entsprechenden Bedürfnisse der Kinder. Wir teilten – nach gemeinsamer Überlegung – die Bereiche also anders ein, legten manches Material auch ganz weg und beschafften uns neue Spiele und Materialien.
Das machte so einen Unterschied! Wir waren verblüfft wie die Kinder oft auf die kleinsten Änderungen reagierten. Plötzlich sahen sie Dinge, die schon jahrelang da lagen und noch nie beachtet worden waren. Es gab nun Tage, an denen plötzlich die Kreativität fast mit Händen greifbar war. An solchen Tagen gingen auch wir singend nach Hause.
Vor allem wurden wir sicherer und sicherer in unserem Tun und Denken. Auch verstanden wir die Hinweise in den Büchern von Montessori und R. Wild immer besser. Den schönen Worten und Sätzen entnahmen wir nun zunehmend konkrete Ratschläge und Schlussfolgerungen und lernten, selbst besser, anders zu beobachten, und Schlüsse aus Beobachtungen  zu ziehen.

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Als Carmen uns dann verlassen musste um dem Ruf nach Amerika zu folgen, waren wir traurig, aber nicht mutlos. Immer wieder nahmen wir via e-mail Kontakt mit ihr auf, daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute anhält. Und oft sagt der eine oder andere von uns: Erinnerst du dich noch, wie die Carmen uns das erklärt hat?

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Es gibt Dinge, Erfahrungen, Erlebnisse, die man nie vergessen wird. Wir wünschen uns für unsere Kinder, dass sie viele solcher positiven Dinge erfahren und lernen dürfen, schöne Dinge, die sie nie vergessen werden.
Auch wenn es unsere Schule nicht mehr gibt, so hat jede und jeder von uns einen neuen Blick für Lernen und Alltag bekommen, für die Kleinigkeiten, auf die es ankommt. Auch Zuhause hat man die Möglichkeit – ob durch Homeschooling oder einfach so – auf solche Kleinigkeiten zu achten. Es geht nicht um 100% Montessori-Anwendung, es geht nicht um Rezepte, die zu befolgen sind, sondern um Elemente, die das eigene Leben und Lernen zu dem machen, was es im Grunde sein soll: Freude und Befriedigung, Glück und Lebendigsein.

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Was mir an Carmens Haltung besonders gut gefällt, ist nicht nur, dass ich viele Dinge ähnlich sehe wie sie, sondern dass diese Dinge auf das ganze Leben – nicht nur auf Kinder, Entwicklung und Lernen – ausdehnbar sind. Im Grunde geht es eben einfach nur um eine innere Haltung, um eine Art, die Dinge anzuschauen und entsprechend zu handeln. Diese Haltung ist auf alle Bereiche des täglichen Lebens anwendbar: Beziehung, Freundschaft, Familie, Arbeit, Politik – das ganze Leben.


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